M&A im Krankenhauswesen: Fünf Thesen

von Dr. Thomas Rudolf, Oberender AG, Mitglied des Vorstands

Dynamischer Transaktionsmarkt

Nicht nur der M&A Trendbericht 2020 der Oberender AG zeigt es: das Transaktionsgeschehen im deutschen Krankenhausmarkt ist seit 2016 unverändert hoch. Einem Peak im Jahr 2018 folgte ein weiteres starkes Jahr 2019. Die verkauften und fusionierten Einrichtungen lassen sich anhand von einigen Kennziffern klar charakterisieren und es gibt Anlass zu der Vermutung, dass auch in den kommenden Jahren ein dynamischer Transaktionsmarkt zu erwarten ist. Die Treiber verändern sich jedoch. Dazu fünf Thesen:

#1: Übernahmen nach Insolvenzen nehmen zu

Die Feststellung ist in die Jahre gekommen und trotzdem aktueller denn je: die wirtschaftliche Situation der Krankenhäuser verschlechtert sich. Dazu trägt der Gesetzgeber seinen Teil bei. Das Pflegepersonalstärkungsgesetz beispielsweise erhöht Kosten und erschwert Anpassungen der Prozesse in der Pflege. Einrichtungen, die noch vor vier oder fünf Jahren einen ausreichend hohen operativen Gewinn (EBITDA) mit einer Marge von 4% bis 6% erwirtschaftet haben, stehen heute schlechter da. Folge: das Ergebnis reicht nicht mehr aus, um auszugleichen, was die Bundesländer an Investitionsmitteln zu wenig zur Verfügung stellen.

Gerade kommunale Träger werden in der Folge der Corona-Krise und wegbrechender Steuereinnahmen nicht mehr jedes Haus retten können. Für die kommenden beiden Jahre sind deshalb mehr Krankenhausinsolvenzen zu erwarten. Für 2020 dürfte die Zahl der Schließungen und Insolvenzen sicher bei über 20 liegen, auch wenn die Prognose durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie schwieriger geworden ist.

#2: Kleine Häuser finden keine Käufer

Noch vor zehn Jahren haben private Klinikkonzerne auch die kleinen Einrichtungen gekauft, sobald eines auf dem Markt war. Auch um 120-Betten-Einrichtungen sind Bieterwettbewerbe entstanden, die einen guten Preis für die Verkäufer zur Folge hatten. Heute ist die Marktsituation gänzlich anders.

Kleine Krankenhäuser – von spezialisierten Fachkliniken abgesehen – sind häufig unwirtschaftlich. Die erforderlichen Margen für einen betriebswirtschaftlich vertretbaren Betrieb lassen sich immer seltener erreichen. Für private Investoren sind diese Krankenhäuser damit unattraktiv geworden. Der eigentliche Treiber im Markt – Private Equity-Investoren, die mit dem Erwerb einer Klinik die MVZ-Gründereigenschaft erlangen wollen – fallen damit nicht selten durch das Raster. Sie verstehen sich nicht als Krankenhausbetreiber, sondern wollen im Grunde nur in eine ambulante Struktur investieren. Ist das wirtschaftliche Risiko einer Krankenhausübernahme unkalkulierbar oder einfach zu hoch, sehen sie von einem Erwerb ab.

Die Entwicklung der letzten Jahre scheint dies zunächst zu widerlegen (siehe Abbildung 1). Gerade die Häuser mit 100-199 Betten waren recht häufig Gegenstand einer Transaktion. Das zeigt aber letztlich nur deren wirtschaftliche Not. In Zukunft wird es vermehrt so sein, dass kleine Krankenhäuser die Gruppe mit den meisten Schließungen darstellen werden.

Abbildung 1: Transaktionen nach Bettencluster

#3: Privatisierung wird kein Mega-Trend

Die Zeiten der großen Privatisierungswellen sind vorbei – und sie werden es vorerst auch bleiben. Dafür ist eine Reihe von Faktoren verantwortlich. So erreichen private Krankenhausketten mit dem reinen Betrieb von Akutkrankenhäusern nicht mehr die Margen, die sie für ein sinnvolles unternehmerisches Handeln (z. B. Investitionsfähigkeit) benötigen. Außerdem kommen vermehrt Krankenhäuser in dem Cluster bis 200 Betten auf den Markt. Hier wird die notwendige Wirtschaftlichkeit besonders schwierig zu erreichen sein. Hinzu kommt, dass insbesondere kommunale Träger es politisch weiterhin für nicht opportun halten, ihre Klinik an einen privaten Träger zu veräußern. Nach wie vor wir dies in der Öffentlichkeit kritisch bewertet. Der Blick auf die Zahlen der letzten Jahre (siehe Abbildung 2) zeigt bereits, dass die trägereinheitlichen Übernahmen deutlich überwiegen. Zwar gibt es weiterhin Privatisierungen, im Vergleich sinkt aber deren Bedeutung für den Transaktionsmarkt. Auch für private Finanzinvestoren ist dies von Bedeutung: von Kommunen wird man eher selten Einrichtungen erwerben können.

Abbildung 2: Transaktionen nach Trägerschaft

#4: Mehr Kommunale Fusionen

Das Problem der Marktstruktur im deutschen Krankenhauswesen ist nicht nur die Tatsache, dass es zu viele Krankenhäuser und zu viele Krankenhausbetten gibt. Die Größe der Einrichtungen ist ebenfalls Teil des Problems wachsender Defizite und damit mangelnder Investitionsfähigkeit. Vermehrt lassen sich daher Konsolidierungstendenzen im Markt feststellen. Dies trifft nicht nur die großen Privaten. Merger wie die von Asklepios und Rhön stellen zwar andere Übernahmen und Fusionen in den Schatten, deren Zahl aber wächst.

Zuletzt haben z. B. in Bayern die Fusionen im Allgäu oder zwischen den Landkreiskliniken in Mühldorf am Inn und Altötting den Trend bestätigt. Kommunen sehen eine Möglichkeit Größeneffekte durch landkreis-übergreifende Fusionen zu realisieren. Verbindet sich das mit betriebswirtschaftlicher Konsequenz und Willen zur Sanierung, können so regionale Champions im Klinikmarkt entstehen.

#5: Konzerne forcieren vertikale Integration

Was aber bleibt für die privaten Klinikkonzerne. Sie investieren in Zukunft vermehrt im Rahmen einer vertikalen Integrationsstrategie, also insbesondere in der Wertschöpfungskette vor dem Krankenhaus (Zulieferer, Medizingeräte, digitale Versorgungsanwendungen, etc.). Der Grund ist recht einfach: die Margen dort sind höher, die Märkte weniger stark reguliert, in Teilen bringt man mit seinem bisherigen Klinik-Portfolio oder mit eigenen Einkaufsverbünden den Absatzmarkt bereits mit. Hinzu kommt, dass die Politik es den Klinikträgern (unabhängig von der Trägerform) nicht leichter macht, vernünftig zu wirtschaften.

Die Attraktivität Krankenhäuser zu übernehmen sinkt. Es wird zwar weiter einige Einrichtungen geben, die man gerne übernimmt. Dem Trend der trägereinheitlichen Übernahme folgend, wird aber viel außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung vorbereitet, bis das bevorstehende Signing angekündigt wird. Eine Entwicklung die das jetzt schon bestätigt: das Vorhalten der eigenen M&A-Abteilungen in den großen Klinikkonzernen ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. 

Kennen Sie bereits den M&A-Trendbericht 2020 der Oberender AG? Hier finden Sie das vollständige Exemplar der Studie!

Herzliche Grüße

Dr. Thomas Rudolf

Vorstand Oberender AG
Elsenheimerstr. 59, D-80687 München

Tel.: +49 (0)89 8207516 – 0
info@oberender.com

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