Der vielarmige Assistent im Krankenhaus – Ökonomie als Herausforderung in der roboterassistierten Chirurgie

Von Maximilian Schmid, BinDoc GmbH & Oberender AG

Die roboterassistierte Chirurgie ist im Klinikalltag angekommen und in einer Vielzahl von deutschen Kliniken bereits integraler Bestandteil des Leistungsgeschehens. Eine Problemstellung die sowohl Gesundheitsökonomen als auch Entscheidungsträger im Krankenhaussektor eint ist die Betrachtung der Wirtschaftlichkeit bei innovativen Operationsverfahren durch das Zusammenspiel von Kosten und Nutzen.

Ein Großteil der Ärzte sind Verfechter der roboterassistierten Chirurgie und überzeugt von einer Steigerung der medizinischen Qualität – Kaufleute eher skeptisch bei einer Analyse der Anschaffungs- und Wartungskosten im Rahmen der dualen Finanzierung und unter Berücksichtigung der geltenden Refinanzierungsstrukturen des (a)G-DRG-Systems. Eine Lösung für die beschriebene Problemstellung und damit einhergehende Partikularinteressen von Verantwortlichen im Krankenhaus liegt in der Transparenz!

Eine zielführende Diskussion kann dabei nur auf Basis objektiver Daten stattfinden. Um entsprechendes Datenmaterial nicht nur zu erfassen, sondern auch zu verarbeiten und Informationen daraus abzuleiten, bietet sich aus Sicht der Krankenhäuser der Einsatz von intelligenten Datenanalysetools an. Durch den wertvollen Einsatz von Analyseverfahren kann Transparenz geschaffen werden, damit unterschiedliche Dimensionen einer Investitionsbewertung sowohl unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit als auch anhand von klinischen Ergebnissen und deren monetärer Bewertung betrachtet werden können.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Betrachtung der Kosten-Erlösentwicklung beim Einsatz eines robotischen OP-Assistenten.

Abbildung 1: Kosten-Erlös-Entwicklung roboterassistierte Chirurgie pro Fall

Aufgrund der Heterogenität in der Kostenstruktur der Krankenhäuser ist von keinem allgemeingültigen Wert auszugehen, ab welchem die Gewinnschwelle erreicht ist. Unabhängig davon kann jedoch festgehalten werden, dass roboterassistierte Chirurgie im Krankenhaus nicht per se mit finanziellen Einbußen verbunden sein muss, sondern es vielmehr auf drei relevante Faktoren ankommt, die über Erfolg oder Misserfolg aus Perspektive der Leistungserbringer in Bezug auf eine Investition entscheiden:

  • Differenzierung: Welche Eingriffe und Indikationsgebiete sind relevant, um das Potenzial maximal ausschöpfen zu können?
  • Quantität: Wie hoch muss die Anzahl dieser Fälle sein, um einen positiven Beitrag zum Gesamtergebnis leisten zu können?
  • Qualität: Welche klinischen Verbesserungen können durch den Einsatz robotischer Chirurgiesysteme erzielt werden?

Datenschätze ausnutzen, um Transparenz zu schaffen!

Wie hoch die Anzahl der Fälle pro Jahr sein müsste, steht in Abhängigkeit zur Kostenstruktur. Generell sollte das Ziel für ein ausgewähltes Behandlungsspektrum sein, die Anzahl der Fälle maximal zu steigern für eine breite Verteilung der anteiligen Fixkosten. Hierfür ist sowohl die interne als auch externe Betrachtung des Leistungsgeschehens von Krankenhäusern relevant.

Das interne Potenzial bemisst sich an der Anzahl an Fällen, die innerhalb einer Fachabteilung bislang offen chirurgisch oder laparoskopisch behandelt werden und durch roboterassistierte Chirurgie substituiert werden können.

Das externe Potenzial wird determiniert durch die Anzahl an Prozeduren, die für robotische Chirurgie relevant sind und gemäß einer definierten Region, die der Patientenherkunft entspricht, berechnet werden kann.

Abbildung 2: Patientenherkunft ausgewählter Behandlungsverfahren nach §21-KHEntgG BinDoc Analyseverfahren

Zur Betrachtung und Berechnung der internen und der externen Dimension ist der Einsatz von Datenvisualisierungs – und analyseverfahren unerlässlich, deren Grundlage auf der Vernetzung klinikeigener Informationen nach §21 KHEntgG und öffentlich zugänglicher Datenquellen basiert.

Ein entscheidender Vorteil in diesem Zusammenhang liegt im Bereich des produktspezifischen Performance Measurements, um Tendenzen und Trends anhand definierter Key Performance Indicators (KPIs) entlang einer Zeitreihe in das krankenhausinterne Berichtswesen einfließen zu lassen. Relevante und objektiv messbare Indikatoren in der erlösseitigen Diskussion können sein:

  • Fallzahlentwicklung
  • Entwicklung der durchschnittlichen Fallschwere (CMI)
  • Entwicklung des erlösrelevanten Case-Mix Volumens
  • DRG-Umsatzerlöse
  • Erlöse aus Wahlleistungen

Für alle messbaren Werte ist die Änderungsrate gegenüber einem Vergleichszeitraum für die Interpretation ausschlaggebend.

Bei der Diskussion um innovative OP-Verfahren sollten jedoch nicht ausschließlich Financial KPIs im Zentrum der Betrachtung stehen, sondern insbesondere den ebenfalls objektiv messbaren klinischen Ergebnissen und mitunter deren monetärer Bewertung Beachtung geschenkt werden. Nur dadurch kann eine vollständige Erfassung des Nutzens garantiert werden, um dem Vergleich mit Kosten letztendlich Gültigkeit zu verleihen.

Qualitätsadjustierte Indikatoren in der Analyse von robotischer Chirurgie im Vergleich zu bislang gängigen Verfahren, die auch in Zusammenhang mit einer monetären Bewertung stehen, können sein:

  • Ø Bluttransfusionen
  • Ø Beatmungsstunden
  • Ø Intensivtage
  • Ø Postoperative Tage oder Wiederaufnahme
  • Ø Verweildauer (VWD) und deren Abweichung zur mittleren VWD nach InEK
  • Ø VWD-Einsparungen in der Normal- oder Intensivstation

Alle qualitätsadjustierten Indikatoren werden durch den Vergleich von roboterassistierter Chirurgie zu laparoskopischen bzw. offenen Verfahren repräsentativ und aussagekräftig.

Qualitätsorientierte Refinanzierung begünstigt Innovation!

Insbesondere der Aspekt, dass die gesetzgeberischen Akteure sich in den kommenden Jahren das Ziel gesetzt haben, eine Weiterentwicklung des Refinanzierungsrahmens im stationären Sektor stärker an qualitätsorientierte Faktoren zu koppeln, kann ein Schlüsselelement für neuartige Behandlungsverfahren sein. Spätestens dann sollten sich im Idealfall auch die ökonomischen Anreize zu Gunsten innovativer OP-Verfahren verschieben.

Zur vollständigen Betrachtung eines Nutzens in Zusammenhang mit modernen OP-Verfahren sind neben den reinen Erlösen auch ressourcenschonende Effekte einer kürzeren Verweildauer durch verringerte Traumata, eine bessere Wundheilung und eine schnellere Rekonvaleszenz zu erfassen. Zusätzliche Ressourcenschonung ergibt sich aus den qualitätsadjustierten Indikatoren, deren Ausprägung in Abhängigkeit zur Prozessexzellenz und der Lernkurve eines OP-Teams stehen. Intangible Effekte, wie beispielsweise eine positive öffentlichkeitswirksame Wahrnehmung eines Krankenhauses gegenüber Patienten, finden zwar keine unmittelbare Berücksichtigung in der Nutzenbetrachtung, wirken sich jedoch begünstigend auf die erlösorientierten Kennzahlen aus.

Maximilian Schmid
Analyst, BinDoc GmbH
Berater, Oberender AG

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