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Digitalisierung und Wertschöpfung

Ein Beitrag von Prof. Dr. Steffen Hamm

Wertschöpfung im Gesundheitswesen ist nach heutigem Verständnis weitestgehend verstanden als die Summe der erbrachten Leistungen, weniger als der tatsächliche Outcome beim Patienten. Dies bedeutet, dass sich die Steuerung des Gesundheitswesens weniger an den tatsächlichen Ergebnissen orientiert als vielmehr an erfassbaren Input-Größen. Über verschiedenste Gesundheitssysteme hinweg können Kosten, Mengen und erbrachte Leistungen mittlerweile exakt erfasst werden, die Quantifizierung der individuell beim Patienten angekommenen Versorgungsqualität stellt dagegen nach wie vor eine Herausforderung dar. Statt eines persönlichen Gesundheitswertes folgt das nach dem Fließbandprinzip organisierte Gesundheitswesen vielmehr dem Ansatz einer One-Size-Fits-All-Strategie.

In diesem Verständnis waren Gesundheitssysteme bisher auch hinsichtlich ihres medizintechnischen Innovationsansatzes einseitig geprägt, d. h. medizintechnischer Fortschritt wurde vordergründig verstanden als Produktinnovation, den Dimensionen der Prozess-, Organisations- und Strukturinnovation wurde nur ein untergeordneter Stellenwert beigemessen. Hier vollzieht sich aktuell allerdings ein Wandel, der auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist. Die Digitalisierung spielt dabei – wie auch in vielen anderen Branchen – eine zentrale Rolle. Entscheidend in diesem Kontext ist, dass unter Digitalisierung nicht die Elektrifizierung analoger Prozesse zu verstehen ist, sondern vielmehr ein Neudenken von Rollenmodellen, Wettbewerbsszenarien und Geschäftsmodellen. Dabei betreten neue Akteure wie Amazon, Apple und Google, aber auch zahlreiche Start-ups, den Gesundheitsmarkt, die entsprechend einer On-Demand-Economy den Kunden, Patienten und Bürger in den Mittelpunkt ihrer Geschäftsmodelle stellen. Erstmals kann der Endkunde aktiv eine individuelle Nachfrage entwickeln und am Markt platzieren, anstelle sich mit der Rolle des mehr oder weniger passiven Leistungsempfängers in einem vereinheitlichten, top-down organisierten Gesundheitswesen zufrieden geben zu müssen. Diese Entwicklung stellt den gesamten Gesundheitsmarkt vor einen fundamentalen Umbruch und erhöht den Druck auf etablierte Akteure – sowohl der Gesundheitswirtschaft als auch der Gesundheitsversorgung.

Ein Neudenken von Geschäftsmodellen, die sich am tatsächlichen Outcome für den Kunden orientieren, hat daher auch in der Medizintechnik bereits begonnen. Künftig wird dort eine Entwicklung vom Produktlieferanten zum Lösungsanbieter vonstattengehen, dessen technische Innovation als Enabler einer umfassenden organisationalen Versorgungsinnovation wirken wird. Damit einhergehen wird auch ein Wandel der Wettbewerbsverhältnisse weg von der horizontalen Ebene hin zu einem Wettbewerb auf Ebene von Wertschöpfungsnetzwerken und Geschäftsmodellen. Inwiefern Versorger und Industrie aus diesem Transformationsprozess gestärkt oder geschwächt hervorgehen, liegt zu einem Großteil bei ihnen selbst. Dass neue, internationale Akteure den Gesundheitsmarkt betreten haben und dies fortsetzen werden, steht außer Frage. Diesen Marktzugang müssen etablierte Spieler aber nicht zwingend als Bedrohung verstehen, sondern auch als Chance, sich weiterzuentwickeln bzw. sich neu zu erfinden.

Prof. Dr. Steffen Hamm
Prof. Dr. Steffen Hamm

Prof. Hamm ist seit Anfang 2018 Professor an der OTH Amberg-Weiden für den Bereich Gesundheitsmanagement. Er beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem digitalen Wandel im Gesundheitswesen, u. a. auch beim Medical Valley in Erlangen.