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Stationäre Versorgung in der Schmerztherapie

Ein Beitrag von Philipp Leibinger, Senior Analyst

Chronische Schmerzen betreffen einen großen Teil der Bevölkerung und sind damit als gesamtgesellschaftliche Problematik anzusehen. Gemäß der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. leiden ca. 17% der Bevölkerung unter chronischem Schmerz.

Die Schmerzversorgung ist in den vergangenen Jahren massive aufgebaut worden

Mit dem Oberender Schmerzatlas 2018 wurde erstmals der Versuch unternommen, die aktuelle Angebotssituation und Inanspruchnahme von chronischen Schmerzpatienten, die eine stationäre Versorgung mit einem multimodalen Therapieansatz (MMST) benötigen, transparent darzustellen. Dabei wurde neben dem Stauts Quo von 2016 auch retrospektiv die Entwicklung in diesem Bereich betrachtet. Es zeigte sich hierbei, dass in den vergangenen Jahren das stationäre Angebot deutlich zugenommen hat. Therapierten die Krankenhäuser im Jahr 2012 insgesamt 46.325 MMST-Fälle, waren es im Jahr 2016 bereits 67.222 Fälle – eine Steigerung von 45%.

Der Oberender Schmerzatlas bietet auch eine Übersicht auf regionaler Ebene

Bei dieser Untersuchung zeigte sich auch, dass es hinsichtlich des Angebots und dessen Entwicklung starke Unterschiede zwischen den Bundesländern, aber auch zwischen einzelnen Regionen und Landkreisen gibt. Dennoch lässt sich dabei festhalten, dass nahezu ausnahemslos in allen Bundesländern die stationären MMST-Fälle in den Krankenhäusern zugenommen haben. Ebenso konnte gezeigt werden, dass sich Krankenhäuser in dieser Zeit zunehmend auf diese besondere Art der Schmerzversorgung spezialisiert haben. Behandelte ein Krankenhaus mit einem entsprechenden Angebot im Jahr 2012 noch durchschnittlich 120 Fälle, waren es 2016 bereits im Schnitt 148 Fälle. Dabei zeigte sich auch, dass etwa 40% der MMST-Fälle in einer eigens dafür etablierten Fachabteilung für Schmerzmedizin behandelt wurden. Der Großteil der Patienten wurde in anderen Fachabteilung wie z. B. Orthopädie, Innere Medizin oder einer chirurgischen Abteilung behandelt. Angesichts der Qualitäts- und Strukturvoraussetzungen, die an die Erbringung von MMST geknüpft sind, zeigt sich auch, dass verhältnismäßig vor allem größere Krankenhäuser diese Therapieform anbieten. Im Schnitt hat ein solches Krankenhaus 13 Fachabteilungen.

Durch den Aufbau an Angeboten hat der Versorgungsgrad zugenommen

Bedingt durch die Angebotsentwicklung hat auch die Inanspruchnahme von MMST zugenommen. Hier haben sich die Fallzahlen im Markt von 24.064 Fällen im Jahr 2007 auf 65.219 im Jahr 2016 erhöht – eine Steigerung von 171%. Auch hier gibt es enorme Unterschiede zwischen den Bundesländern. Setzt man die Bevölkerung in Relation zur Fallzahlsteigerung zeigt sich, dass der Versorgungsgrad (Fälle pro 100.000 Einwohner) stark gestiegen ist. Waren es im Jahr 2007 noch 29,3 Fälle pro 100 tsd. Einwohner, wurden 2016 bereits 79,2 Fälle pro 100 tsd. Einwohner behandelt. Auch hat sich gezeigt, dass ~77% der Patienten über 50 Jahre alt sind und die Altersgruppe mit der höchsten Inanspruchnahme bei 55- bis 59-jährigen lag (155 Fälle pro 100 tsd. Einwohner). Mit 69% nahmen Frauen insgesamt öfter eine MMST in Anspruch als Männer. Die häufigsten Grunderkrankungen, die der MMST vorausgehen, sind mit 63,5% Muskel-Skelett-Erkrankungen.

Durch die Patientenwanderungen können über- und unterversorgte Gebiete identifiziert werden

Ein Vergleich der Angebotssituation und Inanspruchnahme zeigt große regionale Unterschiede. Es konnte aufgezeigt werden, dass es viele Landkreise gibt, aus denen mehr Patienten stammen als Angebot im Landkreis vorhanden ist. In den meisten Fällen können aber Patienten in weniger als 30 Min. Fahrzeit ein Krankenhaus mit entsprechendem Angebot erreichen. Dennoch gibt es auch Landkreise und Regionen, in denen das nicht der Fall ist und in denen Patienten größere Strecken zurücklegen müssen, um eine entsprechende Behandlung zu erhalten. Zudem bleibt an dieser Stelle zu bedenken, dass das Versorgungspotential (Gesellschaften gehen von Schätzungen im Millionenbereich aus) ein weitaus höheres MMST-Angebot benötigt als aktuell gegeben. Eine grobe Entwicklungsanalyse, basierend auf plausiblen Annahmen, zeigt, dass sich die Inanspruchnahme bis 2025 auch verdoppeln könnte, ohne dass dabei eine Überversorgung gegeben wäre.

Philipp Leibinger, Senior Analyst

Philipp Leibinger ist Senior Analyst bei der Oberender AG und seit 2013 im Bereich Research und Consulting tätig. Sein primäres Tätigkeitsfeld erstreckt sich dabei in die Bereiche Datenanalytik, Strategiekonzeption und Unternehmensbewertungen.