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Private Equity in der ambulanten Versorgung

Ein Beitrag von Guido Nordmann

Zwei Welten verschmelzen

Die ambulante Versorgung in Deutschland ist je nach Facharztgruppe und Planungsbereich von sehr unterschiedlichen Versorgungsgraden geprägt. Zudem sind fast 80 % der aktuell niedergelassenen Ärzte 50 Jahre oder älter und junge Ärzte präferieren zunehmend eine Tätigkeit im Anstellungsverhältnis. Darüber hinaus sind die Ausgaben der GKV solidarisch finanziert und unterlagen für den ambulanten Sektor in der Vergangenheit jährlichen Wachstumsraten von durchschnittlich 4 %. So entsteht eine relativ attraktive und krisenfeste Anlagemöglichkeit. Gleichzeitig verfügen Kapitalinvestoren über immer größere finanzielle Ressourcen für Investitionen. Deshalb verschaffen sich bspw. Private Equity-Gesellschaften über den Erwerb eines Plankrankenhauses, das für ein MVZ gründungsberechtigt ist, Zugang zum ambulanten Versorgungsmarkt.

GKV, KV, Ärztekammer und Private Equity: eine qualitative Inhaltsanalyse

Doch welche Chancen und Risiken entstehen aus versorgungspolitischer Perspektive in der ambulanten Versorgung durch MVZ im Eigentum von Private Equity-Gesellschaften? Diese Frage wurde im Rahmen einer Masterarbeit, bei der die Oberender AG als Kooperationspartner auftrat, durch einen qualitativen Ansatz mit Experteninterviews beantwortet. Dabei wurden die Einschätzungen der GKV, der KV, der Ärztekammer und von Private Equity-Gesellschaften durch den Autor zu einer Gesamtbetrachtung zusammengeführt.

Pluralität und Professionalisierung vs. zu starke Renditeorientierung

Die Auswertung zeigt, dass durch eine Pluralität von Eigentümer- und Betriebsformen den Präferenzen junger Ärzte besser begegnet und Wettbewerb gefördert werden kann. Des Weiteren können in MVZ von Private Equity-Gesellschaften effizientere und effektivere Prozesse entstehen, weil ein nach Professionen getrennter Aufbau unternehmensähnlicher Strukturen angestrebt wird. Dem Ärztemangel im ländlichen Raum kann dieser Akteur durch städtische Zentren mit Satelliten auf dem Land entgegenwirken.

Demgegenüber besteht in MVZ von Private Equity-Gesellschaften durch Eigentümerinteressen das Risiko, dass medizinische Therapieentscheidungen zum Nachteil von Patienten beeinflusst werden. Ebenso kann in diesen Einrichtungen eine Fokussierung bestimmter Leistungen und eine damit verbundene zu starke Renditeorientierung stattfinden. Weiterhin können in bestimmten Regionen Entwicklungen zu Mono- oder Oligopolen begünstigt werden, was eine eingeschränkte Arztwahl für den Patienten zur Folge hat. Die Kapitalbereitstellung, die oftmals als erster oder entscheidender Wettbewerbsvorteil mit Private Equity-Gesellschaften assoziiert wird, wird nicht als Chance gesehen – auch nicht von diesem Akteur selbst.

Liberalisierung mit Augenmaß

Folglich sollten die Aktivitäten von Private Equity-Gesellschaften in der ambulanten Versorgung differenziert betrachtet werden, um die aktuellen Rahmenbedingungen sinnvoll modifizieren zu können. Auf der einen Seite bietet eine Liberalisierung des § 95 SGB V durch die Aufnahme weiterer MVZ-Grünungsberechtigter für diesen Versorgungssektor und das gesamte Gesundheitssystem Verbesserungspotenziale. Zunächst ist dadurch eine zeitnahe Realisierung der beschriebenen Chancen möglich. Außerdem entstehen transparentere Träger- bzw. Eigentümerstrukturen. Kleine Krankenhäuser, die unter Umständen wirtschaftlich defizitär und für die stationäre Versorgung nicht zwingend notwendig sind, werden darüber hinaus nicht instrumentalisiert. Um auf der anderen Seite jedoch die aufgezeigten Risiken minimieren zu können, bedarf es parallel gewisser rechtskonformer Auflagen für MVZ in der Trägerschaft externer Dritter bzw. von Private Equity-Gesellschaften.

Letztendlich bleibt die Frage, wie viel Wettbewerb und Pluralität vom Gesetzgeber gewünscht sowie für eine effektive und effiziente ambulante Versorgung erforderlich sind.

Guido Nordmann

Guido Nordmann ist Werkstudent bei der Oberender AG und hat seine Masterthesis zum Thema "Private Equity in der ambulanten Versorgung" geschrieben.